Samstag, 3. September 2016

Durchquerung der Ankogelgruppe - Teil 3/4: Über hohe Scharten und einen spaltenreichen Gletscher zur Gießener Hütte

Wow, was für ein Tag! Nicht nur lang und körperlich anstrengend, sondern auch mental extrem fordernd. Ein C/D-Klettersteig mit schwerem Gepäck nach gut 800 Höhenmetern Zustieg, ein ungespurter, teilweise spaltenreicher Gletscher mit Schneeauflage und ein endloser Blockabstieg von 3125m auf 2202m - neuneinhalb Stunden, die uns gezeigt haben, dass auch Hüttenübergänge ohne Gipfel sehr eindrucksvoll sein können.


Aufgrund nachmittäglicher Gewittergefahr starteten wir bereits um 6:30 Uhr an der Osnabrücker Hütte (2022m). Für den Weg zur Preimlscharte waren 2,5 Stunden angegeben; ich hoffte, dass wir es in 3 Stunden schaffen würden.

Großelendtal mit Hochalmspitze

Perfekt zum Einlaufen führt zu Beginn ein flacher, allerdings mit unzähligen Balancierübungen über Bachläufe gespickter Pfad durchs schattige Großelendtal.

Rückblick zur Osnabrücker Hütte (untere Bildmitte)

Am Rücken der Gletschermoräne angekommen, zieht der Weg zwar an, ist aber insgesamt komfortabler zu begehen. Und so stiegen wir, stets bemüht, den eigenen Gehrhythmus nicht zu verlieren, bergan.


Weiter oben geht es nochmal einige Zeit über Blöcke...

Der Weg zieht sich länger als gedacht!

... bis der kleine Teil des Großelendkees' erreicht ist.


Da wir uns bezüglich der Spalten unsicher waren, gingen wir vorsichtshalber als Seilschaft. Die Steigeisen wären für den kurzen, aber steilen und hartgefrorenen letzten Abschnitt definitiv nicht wegzudenken gewesen.

Nun folgte der ebenfalls kurze, aber knackige Klettersteig, der durchaus in die Kategorie C/D einzustufen ist. Vor diesem Teil hatte ich im Vorfeld ziemlich Respekt gehabt; geschuldet natürlich auch durch die Tatsache, dass wir schwer bepackt waren und bereits 800hm in den Beinen hatten.





Mit der nötigen Konzentration auf präzises und vor allem kraftsparendes Steigen (und einmaligem Rasten mithilfe einer Bandschlinge) ging es aber recht gut und ich konnte die Kletterei sogar genießen.


Um kurz nach zehn, also gut 3,5 Stunden nach unserem Aufbruch an der Hütte, hatten wir die Preimlscharte erreicht - und lagen somit schon nicht mehr ganz im Zeitplan. Vor allem das Anseilen für das Gletscherstück, das nochmalige "Umrüsten" für den Klettersteig und natürlich der Klettersteig an sich hatten Zeit gekostet.

Das weitläufige Hochalmkees, für dessen Überquerung ich (vermeintlich) großzügige anderthalb Stunden veranschlagt hatte, lag nun erstmals vor uns.

Hochalmkees: Unser nächstes Ziel, die namenlose Scharte, liegt rechts der markanten Erhebnung am Grat etwa in der Mitte der oberen Bildhälfte

Wie vermutet führten die einzigen Spuren rechts hinauf zur Hochalmspitze; unser Weg war ungespurt. Obwohl wir diesen im Vorhinein eingehend studiert hatten, machte sich bei mir eine leichte Nervosität breit, denn aufgrund der Gewichtsverhältnisse war von Anfang an klar gewesen, dass ich würde führen müssen. Andererseits hatte ich genau diesen Weg ausgewählt, also schob ich die negativen Gedanken beiseite und machte mich abmarschbereit: Weiter ging es nun wieder als Seilschaft, denn der Gletscher hatte einige Spaltenzonen zu "bieten".

Anfangs zeigte sich das Gelände noch recht gutmütig: Eine flache Querung, die Spalten ober- und unterhalb gut zu erkennen und das Zwischenziel, der hohe Felsvorsprung auf knapp zwei Dritteln des Wegs, ebenfalls eindeutig.


Ziemlich genau unterhalb dieses Felsvorsprungs wurde es dann das erste Mal ernst. Die vor uns liegende Spalte war zwar nicht direkt zu erkennen, doch aufgrund des rechts und links neben uns befindlichen Geländes war klar, dass sich auf den nächsten Zentimetern bei Belastung des Schnees ein Loch auftun würde. Vorsichtig stocherte ich mit Pickel und Stock, bis der Schnee tatsächlich nachgab und sich die Spalte öffnete. Obwohl ich schon das ein oder andere Mal über eine Gletscherspalte gesprungen oder spaziert bin, beeindruckte mich dieser Anblick um ein Vielfaches: Ohne rechts und links zu schauen, wäre die vor mir liegende grundlose Schwärze absolut nicht zu erkennen gewesen. Da der Schnee durch die Sonneneinstrahlung bereits sehr weich war, wäre ich mit ziemlicher Sicherheit eingebrochen. Eine Vorstellung, die einen schaudern lässt. Und ein immenser Unterschied zur Begehung eines Gletschers über eine autobahnähnliche Spur!

Glücklicherweise war die Spalte nur knapp einen halben Meter breit, sodass ich sie gut übersteigen konnte. Weiter ging's - mit etwas weichen Knien allerdings. Wenig später vermutete ich abermals Spalten unter dem Schnee, sodass ich mich wieder stochernd fortbewegte. Das kostete Zeit, war aber eine gute Entscheidung, denn ein weiteres Mal gab der Schnee plötzlich nach, diesmal ohne Vorwarnung. Da es mittlerweile bergauf ging, dauerte es einen Moment, bis ich mich zum Sprung durchringen konnte. Letztendlich war es kein Problem und im Fall eines Falles (im wahrsten Sinne des Wortes...) wären Uli und Katharina auch zu 100% bereit gewesen, mich zu halten. Trotzdem: Ausprobieren muss nicht unbedingt sein.

Von den großen Spalten gibt es leider keine Bilder; hier haben wir das Gröbste bereits hinter uns

Fast am Zwischenziel angekommen, liefen wir schließlich auf eine letzte Spaltenzone zu. Da erkennbar war, dass es hier kein Durchkommen gab, mussten wir unsere Route kurzfristig ändern und steil Richtung Hochalmspitze aufsteigen. Im nassen Schnee war das einigermaßen anstrengend und ich wünschte mir sehnlichst das Ende des Gletschers herbei.


Blick zurück

Schlussendlich erreichten wir etwas oberhalb der Scharte den Südostgrat der Hochalmspitze. Wieder auf festem Untergrund zu stehen, war die pure Erleichterung: Jetzt würde es nur noch hinunter gehen - ohne tückische Löcher im Schnee.

Steinerne Mandln in Sicht!

Wir pausierten daher erst einmal und füllten die Energiespeicher auf. Für die Gletscherüberquerung (ca. 200hm und 1,4 km Wegstrecke) hatten wir geschlagene zwei Stunden gebraucht! Kurz überlegten wir noch, die Rucksäcke liegen zu lassen und die zweihundert Höhenmeter zum Gipfel der Hochalmspitze zu gehen. Da dieser jedoch bereits in Wolken lag und sich auch sonst immer mehr davon bildeten, war es Zeit für den Abstieg.


Über den nun vorbildlich markierten Grat kraxelten wir über große Blöcke zur namenlosen Scharte, wo ein weiterer kurzer Klettersteig wartete.

Die Steinernen Mandln - einfach nur Wow!

Diesem folgten wir steil hinunter...


... wobei das Ganze nicht unbedingt trivial ist: Kategorie C würde ich sagen. Mit schweren Rucksäcken ungesichert eher unangenehm, daher waren wir froh, die Gurte mit Selbstsicherungsschlinge noch nicht abgelegt zu haben.


Die Gießener Hütte ist bereits in Sicht, aber es ist noch WEIT

Am Ende hilft ein Textilseil über den steilsten Teil des Schneefeldes, was sich als äußerst praktisch erwies. So konnten die Steigeisen im Rucksack bleiben.

Es ist steiler als es aussieht

Da es sich immer weiter zuzog, hoffte ich nun auf einen schnellen Abstieg zur Hütte. Doch leider weit gefehlt. Bis knapp vor die Hütte muss nämlich über große und kleine Blöcke balanciert und geklettert werden; ein richtiger Weg ist fast nie vorhanden.


Rückblick - Das Gewitter blieb wider Erwarten aus

Lediglich in der Ferne grollte es ein paar Mal

Und so dauerte es nochmals drei Stunden, bis wir es uns in der Gießener Hütte gemütlich machen konnten. Es war ziemlich genau 16 Uhr und wir damit seit fast zehn Stunden auf den Beinen.


Nachdem wir uns mit einer leckeren Suppe gestärkt, uns frisch gemacht und unsere Sachen im gemütlichen Viererzimmer deponiert hatten, erbaten wir den Wetterbericht für den Folgetag. Dieser war wenig aussagekräftig ("das Radio sagt, so wie gestern"), also machten Katharina und ich uns nochmal auf den Weg, um nach Handyempfang zu suchen. Der AV-Wetterbericht machte schließlich eine ganz andere Aussage: Von Beginn an bewölkt, ab mittags Schauer, Gewitterneigung eher gering. Wir beschlossen, unser Glück trotzdem zu versuchen und gegen 6 Uhr Richtung Hochalmspitze zu starten. Dass wir beim Abstieg nochmals den langwierigen Weg über die Steinernen Mandln und das nicht enden wollenden Blockgelände würden gehen müssen, versuchte ich so gut es ging zu verdrängen.
  • Tourdatum: Dienstag, 16.08.2016
  • Zeitbedarf: Osnabrücker Hütte - Preimlscharte gut 3,5 Stunden, Preimlscharte - Gletscherende 2 Stunden, Pause und Weiterweg zur Scharte bei den Steinernen Mandln knapp 1 Stunde, Abstieg zur Gießener Hütte 3 Stunden, Gesamt 9,5 Stunden
  • Höhenmeter: 1100 im Aufstieg, gut 900 im Abstieg
  • Fazit: Im Nachhinein betrachtet halb so wild. Für mich war aber vor allem die Gletscherüberquerung eine besondere Erfahrung. Die Gesamttourlänge, die ich definitiv unterschätzt hatte, sorgte zudem für konditionellen Anspruch. Und nicht zuletzt der mehrmalige Wechsel von Wandern auf Gletscher auf Klettersteig auf Gletscher auf Blockkraxeln usw. war vermutlich letztendlich dafür verantwortlich, dass mir dieser Tag noch lange als fordernd, aber auch sehr eindrucksvoll in Erinnerung bleiben wird.
>>> Teil 1/4 <<< >>> Teil 2/4 <<<

Kommentare:

  1. Interessant, dass es im Abstieg von den Steinernen Manndln jetzt ein Fixseil gibt, das war bei unserer Begehung noch nicht da.

    Wahrscheinlich wäret Ihr kaum langsamer gewesen, wenn Ihr den Spuren über den Gletscher zum Gipfel gefolgt und dann wieder zur Scharte abgestiegen wäret. Ungespurte Gletscherüberquerungen können schon spannend sein… Dann bin ich mal gespannt, ob es am nächsten Tag geklappt hat mit der Tauernkönigin.

    Schöne Grüße
    Hannes

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    1. Ja, im Nachhinein denke ich auch, dass wir den Spuren auf die Hochalmspitze hätten folgen sollen. Aber hinterher ist man natürlich immer schlauer... Der Bericht kommt bald, bin allerdings im Moment im Kletterurlaub in Arco :)

      Liebe Grüße

      Rebecca

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