Freitag, 10. August 2012

Südtiroler Königstour - Der Gipfel

- Fortsetzung vom vorletzten Beitrag

Da wir schon ab vier Uhr nicht mehr schlafen konnten, war das Aufstehen nicht so schlimm wie befürchtet. Auch für die rudimentäre Körperpflege am Morgen konnten wir uns Zeit lassen und hatten das große Waschbecken im Flur zunächst für uns alleine, da alle anderen Gipfelstürmer noch schliefen. Um halb fünf
saßen wir pünktlich am Frühstückstisch, der schon mit Brot und allen möglichen Aufstrichen gedeckt war. Dazu gab es Kaffee, der ruhig ein wenig stärker hätte sein können. Aber was solls, so früh am Morgen bekommt man eh nicht viel runter. Nochmal schnell Rucksack und Inhalt überprüft, dann ging es vor die Hütte. Mittlerweile war es etwa fünf Uhr morgens und die Dämmerung schon in vollem Gang, sodass wir keine Stirnlampen benötigten. Der Bergführer nahm uns ans Seil und wir starteten zunächst gemütlich auf einem schmalem Bergpfad. Bald jedoch
wurde es felsiger und steiler. Ein Genuss! Fester und griffiger Fels, wunderbare Tiefblicke, dazu ein umwerfender Sonnenaufgang und gute Stimmung. Ein bisschen Stau gab es am sogenannten "Wandl" (hier ein gutes Bild), eine mit Ketten entschärfte, gut 35m hohe Felswand, die es zu durchklettern gilt. Da es dort ausreichend Sicherungsmöglichkeiten gibt, und wir uns mit unserem
Bergführer absolut sicher fühlten, konnten wir uns absolut aufs Klettern konzentrieren und jeden Schritt genießen - jedenfalls ging es mir so. Auch die folgende Gratkletterei mit schaurig-schönen Tiefblicken zu beiden Seiten machte richtig Spaß. Man muss an dieser Stelle aber auch dazu sagen, dass wir sehr viel Glück mit dem Wetter hatten. Obwohl es Tage vorher noch richtig viel Schnee gegeben hatte, war der Fels trocken und nirgends mit einer gefährlichen Eisglasur
übersehen. Nach einer kurzen Querung eines aus zusammengefrorenen Steinchen bestehenden Hangs war es an der Zeit, die Steigeisen anzuziehen. Voll motiviert ging es über feinsten Knusper-Firn zur ersten Schwierigkeit des Gletschers. Hier muss eine kurze Stelle mit der Frontalzacken-Technik überwunden werden, da sie zum normalen Gehen zu steil ist. Auf dem Rückweg wurden wir daher an einer nicht weit entfernten Stelle über den
Tschierfegg-Felsen abgeseilt, doch dazu später mehr. Am Lombardi-Biwak stand nun nach knapp zwei Stunden die erste Pause an. Wir lagen gut in der Zeit und hatten in der Zwischenzeit sogar eine Seilschaft überholt. Das nächste steile Stück hatte es dann aber wieder in sich. Ich merkte, wie meine Fußgelenke zu
schmerzen begannen, und auch die Kraft in den Beinen ließ nach. Oben angekommen forderten wir eine weitere Pause, doch unserer Bergführer meinte nur, wir ständen auf einer riesigen Spalte, daher müssten wir weiter gehen. Brav, aber erschöpft folgten wir ihm zu einer ungefährlichen Stelle, wo wir kurz anhielten und den Puls wieder etwas beruhigen konnten. Mittlerweile war die Höhe doch leicht zu spüren, gepaart mit einer allgemeinen Erschöpfung nach über zwei Stunden Aufstieg. Allzu lang wollten wir
aber auch nicht stehen bleiben, denn auf dem oberen Ortlerplatt wehte ein starker und eisiger Wind, dessen Böhen mich einige Male aus der Bahn warfen. Im nächsten Augenblick war es dann wieder absolut windstill... Auf jeden Fall konnten wir bereits das Gipfelkreuz sehen und Richtung Stilfserjoch und der weit entfernten Bernina das zu erwartende Panorama erahnen. Als wir dann endlich am Gipfel ankamen, wurde mir wie so viele Male zuvor klar, warum man sich die Mühen eines strapaziösen Aufstiegs antut. Der Ausblick war einfach atemberaubend! Dazu das
unbeschreibliche Gefühl, es bis ganz nach oben geschafft zu haben - einfach herrlich. Wir hatten ab der Payerhütte drei Stunden und etwa 15 Minuten gebraucht, was gar nicht mal schlecht für eine Dreierseilschaft plus Bergführer ist. Natürlich durfte das Gipfelbild nicht fehlen, doch aufgrund des kalten Windes hielten wir es nicht sonderlich lange am
höchsten Punkt aus. Wir stiegen daher ein kleines Stück ab und machten an einer windgeschützteren Stelle Rast. Beim weiteren Abstieg kamen uns dann einige Seilschaften entgegen, wobei mir klar wurde, dass es wohl wirklich das beste ist, wenn man als erstes oben ist. So wird man nicht auf den letzten Metern (oder sogar schon auf den ersten) von bereits erfolgreichen Bergsteigern begrüßt und ermuntert, durchzuhalten. Bis zum Rand des Ortlerplatts konnte man auch endlich während des Gehens mal den Blick schweifen lassen, doch dann
wurde es wieder ernster und jeder Schritt forderte Konzentration. Wir waren am zweiten Steilstück angekommen, welches von oben betrachtet um ein vielfaches furchteinflößender aussieht, da man die unweigerlichen Konsequenzen eines Ausrutschers direkt vor Augen hat: Eine Schlitterpartie über den Gletscher bis zum Sturz in eine der vielen offenen
Spalten. Damit es nicht soweit kommen konnte, sicherte uns unser Bergführer an der heikelsten Stelle zusätzlich mit einer Eisschraube. Kurz darauf wollte ich (mal wieder) meinen Augen nicht trauen. Ein sicherlich über 60 Jahre alter Mann kam uns alleine und statt mit Eispickel mit Wanderstöcken entgegen... (Dazu muss man wissen, dass der Pickel im Falle eines Sturzes als Bremsgerät unerlässlich ist.) Die Wahrscheinlichkeit, in eine verdeckte Spalte zu stürzen, tat er als winzig klein ab und machte sich gut gelaunt an den weiteren Aufstieg. Wir konnten nicht mehr als den Kopf schütteln und setzten
ebenfalls unseren Weg fort. An den Tschierfegg-
Felsen war noch einmal Rast angesagt, bevor das wohl Spaßigste der gesamten Unternehmung anstand: Abseilen! Den Jungs war es anscheinend ziemlich mulmig, als sie sich nacheinander an den Rand des etwa 15m hohen Abgrundes stellen mussten, um von dort aus langsam am Seil abgelassen zu werden. Ich kannte sowas ja vom Klettern, aber mit Steigeisen ist das Abstoßen von der Wand doch noch einmal kniffliger. Leider war die Schwebepartie schnell wieder vorüber und die letzten Meter auf dem Gletscher standen an. Nachdem wir die Steigeisen verstaut hatten, legten wir das nächste Stück wieder auf dem am Morgen noch aus einem brettharten Gemisch von Kieselsteinen und Eis bestehenden Hang zurück, der nun, fünf Stunden später, deutlich schottiger und damit rutschiger war. Dies zeigt anschaulich, wie wichtig es ist, solche durch das Auftauen der Eisschicht
steinschlaggefährdeten Stellen früh am Morgen oder in der Nacht zu passieren. Der Abstieg über die Felsen war schließlich wieder genussvoll, wobei man hier wohl erwähnen sollte, dass man am Ende noch einmal einige Meter aufsteigen muss, da es ganz zu Beginn der Tour zunächst ein wenig nach unten geht. Auch auf den letzten Metern hieß es, konzentriert
am Abhang entlang zu steigen, bis wir schließlich um 11:30 Uhr wieder an der Payerhütte standen und uns auf ein leckeres Getränk und etwas warmes zu Essen freuten - schließlich war nun bereits Mittagszeit und ich hatte seit dem Frühstück nur einen Powerriegel gegessen. Nachdem wir uns mit Toni noch die Bilder auf der Kamera angesehen hatten, nahmen wir glücklich und stolz die restlichen 700 Höhenmeter hinunter nach Sulden in Angriff.

Ich denke, man kann meinen vorherigen Ausführungen schon entnehmen, dass mir die Tour einfach wahnsinnig viel Spaß gemacht hat. Die Bedingungen, das Wetter, die Menschen, meine persönliche Konstitution - es hat einfach alles gestimmt. Nächstes Jahr dann über den Hintergrat auf diesen wunderschönen Berg!

Dienstag, 7. August 2012

Ortler-Aufstiegsweg

Zur Verkürzung der Wartezeit auf den zweiten Teil: Ein Ausschnitt des Gletscherwegs zum Gipfel. Die im Bild gut zu sehende Spur startet unten etwa in der Mitte, zieht dann nach links und verschwindet zunächst hinter Felsen. Ziemlich weit links taucht sie wieder auf und windet sich nah am Gletscherrand entlang (in der Großaufnahme ist dort sogar eine Seilschaft zu sehen) leicht rechtshaltend hinauf und über die steilste Stelle - laut Bergführer circa 42° - , die sowohl im Auf- als auch Abstieg bewältigt werden muss. Danach wird es wieder flacher. In einem weiten Linksbogen hinter dem Gletscherauge (im Bild die größte Erhebung) entlang erreicht man den Gipfel, der sich links außerhalb des Bildes befindet und zum Zeitpunkt der Aufnahme sowieso in Wolken lag.


Montag, 6. August 2012

Südtiroler Königstour - Die Vorbereitungen



Der Ortler ist mit seinen 3905 Metern nicht nur der höchste Gipfel Südtirols sondern auch der gesamten Alpenregion Tirol und damit natürlich ein beliebtes Ziel - so auch für mich! Nachdem ich mich letztes Jahr noch nicht genügend fit und klettertechnisch erfahren fühlte, konnte ich meinen Gipfelsturm in diesem Jahr kaum abwarten. Da wir schon eine gute Woche in Sulden waren und einige Touren wie z.B. auf den Großen Angelus unternommen hatten, war ich gut akklimatisiert, zudem versprach der Wetterbericht gute Aussichten für Dienstag morgen. Beste Voraussetzungen also!


Zunächst stand aber am Montag der Aufstieg zur Payerhütte (3020m), von wo aus die Tour startet, an. Bei strahlendem Sonnenschein und natürlich viel zu warm angezogen legte ich zunächst die Strecke zur Tabarettahütte (2556m, im Bild etwas rechts von der Mitte mit blauem Dach) zurück, wo ich ausgiebig rastete und den Blick in die imposante Nordwand genoss (Bild ganz oben). Beeindruckend waren auch die zwei
Bartgeier, die elegant über unseren Köpfen ihre Kreise drehten. Um kurz vor 14 Uhr hatte ich mich aber auch daran satt gesehen, sodass ich langsam aber stetig meinen Weg fortsetzte und gegen 15:15 Uhr an der Payerhütte (Bild rechts) ankam. So früh wollte ich eigentlich gar nicht dort sein, denn der Bergführer würde sicher nicht vor 19 Uhr auftauchen. So bezog ich das gemütliche Viererzimmer, das ich mit meinen beiden Mitstreitern teilen
sollte und versuchte, ein wenig zu dösen. Irgendwie war es aber zu kalt im Zimmer, außerdem war ich nicht wirklich müde. Ich stand daher auf und stellte fest, dass es auf der sonnenbeschienenen Terasse der Hütte um ein vielfaches wärmer war, sodass man es dort gut im T-Shirt aushalten konnte. Dort lernte ich dann auch Georg, einen meiner Seilschaftskollegen,
kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und unterhielten uns eine ganze Weile (auch mit anderen Gipfelaspiranten), bis schließlich Stefan, der dritte im Bunde, auftauchte. Er passte ebenfalls super in unsere Runde, was meine Sorgen zerstreute, mit mir unsympathischen Menschen auf den Berg steigen zu müssen. Eigentlich wollten wir uns bei dem tollen Wetter etwas später schon einmal den ersten Teil des Aufstiegswegs anschauen, den wir am nächsten Morgen ja nur im Halbdunkel der
Dämmerung sehen würden. Ich drehte jedoch relativ schnell wieder um, da wir schon von der Hütte aus einige Steine sehen und vor allem hören konnten, die vom Felsen oberhalb des Pfades ins Tal sausten. Außerdem war schon fast Essenszeit, auch wenn wir uns nur schwer von der schönen Terasse und den noch
immer wärmenden Sonnenstrahlen lösen konnten. Drinnen erwartete uns ein Dreigangmenü mit Spaghetti oder Gemüsesuppe als Vorspeise, einem Schnitzel mit Kartoffeln und Bohnen als Hauptgang und einem Obstsalat als Nachspeise. Alles in allem war das Essen gar nicht schlecht, das Bier dazu ebenfalls sehr erfrischend. Einige der Anwesenden ließen es sich zudem nicht nehmen, den Nachtisch in destillierter Form zu sich zu nehmen. Ich zögerte kurz, wollte aber nicht in die Versuchung geraten, danach dann noch ein Bier
bestellen zu wollen. Auch wenn ein wenig Alkohol auf der Hütte irgendwie dazu gehört, wollte ich am nächsten Tag ja fit für König Ortler sein. Mit Toni, unserem Bergführer, der nun ebenfalls eingetroffen war, besprachen wir einige organisatorische Dinge des nächsten Tages (halb fünf Frühstück, möglichst um 5 Uhr Abmarsch), dann gingen wir noch einmal nach draußen, um uns den gigantischen Sonnenuntergang nicht entgehen zu lassen. Der Hammer! Mit riesiger Vorfreude gings schließlich so gegen 22 Uhr ins Bett, schlafen konnte ich jedoch nicht. Dies lag im Gegensatz zu so manch anderer Hüttennacht allerdings nicht an schnarchenden
Mitmenschen, sondern an den Gedanken, die mir nicht aus dem Kopf gehen wollten: Geht morgen früh alles gut und schnell über die Bühne? Werde ich genug Kraft haben? Schaffen auch meine Mitstreiter die Kletterei und den Aufstieg über den Gletscher? Was ist, wenn einer stürzt? Es ist mitnichten so, dass ich unserem Bergführer nicht hundertprozentig vertraut hätte, trotzdem besteht die Gefahr einer mittleren bis ernsthaften Verletzung an so einem Berg einfach, wenn einer der Teilnehmer der Sache nicht gewachsen ist. Kurzum, ich habe vielleicht zwei Stunden geschlafen.

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